Der lange Weg meines F5

      Der lange Weg meines F5

      Und ich bin der dritte.
      Also: den DKW gab es in meinem Leben immer schon - als ich auf Kinderbeinen die Umgebung in immer größeren Kreisen um das Kinderbettchen erkundete, stand ich eines Tages in der Garage vor vier Rädern, die oben mit allerlei Decken verhüllt waren. Unter den Decken ein Auto - wie im Bilderbuch. So mit einzelnen Kotflügeln und einzelnen Lampen drauf und so. Am Abend Vater gefragt... sein erstes Auto. Ein DKW! " -- "Ein was?" -- "DKW!" Ach so. Die sahen aber früher komisch aus! "Später, wenn ich mal Zeit habe, repariere ich den wieder" -- "Aber wozu? Wir fahren doch mit dem anderen Auto..." -- "Das verstehst Du nicht".

      Wir Kinder haben dann in dem alten Ding gespielt - heimlich! Raumschiff Enterprise oder so was. 1988 ist er gestorben, drei Monate nach dem Ruhestand. Mit wieder reparieren war also nix. Mutter war der alte Schinken dann im Weg. Aber wegwerfen wollte sie ihn auch nicht - schließlich hatte sie 1947 auf dem Ding fahren gelernt und es hingen Erinnerungen dran. Ich sollte ihn weg schaffen und reparieren - 1.000 Mark gab's als Vorschuss dazu und den Kfz-Brief. Das Auto habe ich weggeschafft, hatte aber beruflich keine Zeit. Für die 1.000 Mark immerhin schon mal Reifen gekauft. Das war 1995. 1999 lief mir ein Kfz-Meister über den Weg, der Veteranen restauriert. Er nahm ihn mit samt dem Auftrag, ihn zu restaurieren. Visitenkarte ging dann aber irgendwann verloren und der Meister meldete sich nicht mehr. Es vergingen Jahre. Ich hatte keine Hoffnung mehr. Mutter fragte ab und zu nach ihrem DKW, und ich wich aus. Konnte doch nicht sagen, dass ich nicht weiß, wo der alte Wagen steckt. Vor einigen Jahren starb auch sie in hohem Alter.

      Nun fragte niemand mehr, aber an einem Sonntagabend im Februar 2012 klingelte das Telefon, kurz vor dem „Tatort“. Wer das nun wieder sein mochte, so spät. Eine Nummer aus Neuwied. Der Anrufer fragte nach meinem Namen. „Ja, das bin ich!“ – Ob ich mein Auto nicht wieder haben will? Auch das noch: der Wagen von Ganoven vor dem Haus geklaut und nichts gemerkt? „Nein“, sagte der Anrufer, „ich meine Ihren DKW!“ Hurra - der F5 aus dem Jahr 1936, die Reichsklasse mit 18 PS.

      Klar wollte ich den wieder haben, aber wohin damit? Es dauerte einige Zeit, bis die Garage aufgeräumt war, ein Transportanhänger ausgeliehen und ein Termin zum Abholen vereinbart war. Mittlerweile war es Mai geworden, zu Hause angekommen Staunen und Ratlosigkeit: von alten Autos keine Ahnung. Nur von neuen. An meiner Fundsache war nicht oder kaum herum gebastelt worden, nichts zusammen gewürfelt und der Zustand ungewöhnlich gut. Am 10. Juni 1961 war der Wagen in der Eifel als „verschrottet“ abgemeldet worden. Mein Vater hatte ihn im Juli 1939 gekauft, aber viel Spaß kann er damit nicht gehabt haben, denn wenige Wochen später brach der Krieg aus und private Autos mussten schon bald abgemeldet werden. Räder rollten dann nur noch für den vermeintlichen Sieg, nicht für das Privatvergnügen. Ein Auto mit Gänsehaut-Geschichte, aber die haben alle Autos aus dieser Zeit. Nur kennt sie kaum noch jemand.

      Diese Cabrio-Limousine ist Ende Oktober 1936 gebaut worden, wahrscheinlich für das Winterlager. So kam der Kleinwagen erst im Juni 1937 mit dem Kennzeichen IT-106070 in der Provinz Hessen-Nassau auf die Straße.

      Am 31.01.2013 ging es los: was auf mich zu kommen sollte, ahnte ich nicht. Die Restaurierung war stets von der Frage begleitet, wie möglichst viel Original-Substanz erhalten bleiben kann und nur das unbedingt Nötigste erneuert werden muss. Stoßstangen und nachgerüstete Rückleuchten wurden abmontiert, den allseits dringend gegebenen Rat, das alte Kunstleder abzureißen und neu zu beziehen ignorierte ich jedoch trotzig. Überhaupt hieß die oberste Maxime: was unbedingt geändert werden muss, das hat so zu geschehen, dass es ohne Flurschaden wieder rückgängig gemacht werden kann. Einzelne frühere, zeitgenössische Änderungen wie z.B. eine nachgerüstete Fernlichtkontrolle, blieben erhalten. Dass die Winker nicht nur als Statisten am Auto spazieren fahren, sondern noch immer funktionieren – Ehrensache!

      Die Bodenplatte aus Sperrholz hatte Wellen geworfen wie der Rhein zu Füßen der Loreley und verströmte einen recht penetrant gemischten Geruch von Moder und ranzigem Zweitaktöl. Die Riegel und Pfosten aus Buchenholz waren zwar in erstaunlich gutem Zustand, aber an kleinen Stellen doch von Fäulnis befallen, die Eisenschrauben darin gnadenlos fest gerostet. Hier waren vorsichtige Sanierungen nötig, bei denen ein befreundeter Schreinermeister fachgerechte Unterstützung leistete.

      Am 31.01.2015 holte ich den DKW nach Monaten im Kosmetiksalon aus der Lackiererei ab - endlich fertig! Ach ja, eines noch: das Kfz-Kennzeichen, das dem DKW als eines der ersten "bundesrepublikanischen" Kennzeichen nach den Besatzungsnummernschildern 1956 zugeteilt wurde, war noch - oder wieder - zu haben. Also auch das ist "historisch". Letzte Woche habe ich das Nenngeld für Garitz bezahlt. Ich freu' mich drauf.
      dkw-f5.de

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      Alles muss man selber machen! Und da hier keiner etwas zu meiner F5-Geschichte zu kommentieren hat, mache ich das eben selbst:

      Also: vor einigen Tagen muss mich irgendein historischer Teufel geritten haben. Kurbelwelle und Zylinder sind ja noch neu und verlangen nach Schonung, aber trotzdem: bei den Durchschnittsgeschwindigkeiten sind 600 gefahrene Kilometer ja so viel wie bei einem modernen Auto das Doppelte. Also fast eingefahren. Naja, fast... Also Gas gegeben. Und zwar Vollgas.

      Wer mal mitfahren möchte, der klickt einfach hier: Führerstandsmitfahrt (das ist kein Computerspiel, das ist echt!).

      Und für alle die, denen die Mechanik leid tut: ich mach's nie wieder!

      Euer 2.0-Takt-Jonny

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